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© Christina Neuhoff

Hat Wertschätzung mehr als eine Hand breit Wasser unterm Kiel?


"Wertschöpfung entsteht durch Wertschätzung" titelt das Interview von Martin Steinhage vom Deutschlandradio Kultur mit Prof. Dieter Frey vom Center for Leadership and People Management am Lehrstuhl für Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Doch was ist das eigentlich, Wertschätzung? Wie lebt man das?


In dem Interview geht um den Einfluss der Qualität von Führung auf Engagement von Mitarbeitern und die Leistungsfähigkeit von Unternehmen. Gemäß der alle Jahre wieder viel zitierten Gallup Befragung gelten in Deutschland rund 15 Prozent als hochmotiviert, 70 Prozent machen Dienst nach Vorschrift und 15 Prozent haben innerlich gekündigt. Von kleinen Tendenzen abgesehen sind diese Zahlen jedes Jahr ähnlich, beziffert mit den damit verbundenen massiven finanziellen Auswirkungen für Unternehmen und Volkswirtschaft.


Als Kernfaktoren, die eine gute Führungskraft jeden Tag aufs neue überzeugend vermitteln muss, benennt Prof. Frey "Sinn, Freude und Spaß, Handlungsspielräume, Transparenz und Wertschätzung". Gefragt, wie denn so eine Wertschätzung aussehen kann, benennt er die häufig von Probanden benannten "kleinen Dinge", wie auch als Chef "mal ‚Danke‘ sagen", Lob aussprechen, positives Feedback, "wir haben die vielen kleinen Facetten und Symbole, mit denen ich transportiere: Du Mitarbeiter bist wichtig. Ich schätze deine Arbeit."


Hier stutze ich für einen Moment beim Lesen. Das geht mir desöfteren so, wenn es um das Thema Wertschätzung geht. Es hat für mich manchmal eine merkwürdige Verlegenheit, einen komischen Beigeschmack, als sei Wertschätzung ein warmer Mantel aus Nettigkeiten, den man (bedürftigen) Menschen umhängt, damit sie sich besser fühlen - und dann auch wieder besser arbeiten.


Basisstandards an Freundlichkeit, Höflichkeit und Aufmerksamkeit sind für mich für sich genommen noch keine Wertschätzung, sondern mehr eine Frage, ob ich diesen (in der Regel durch Erziehung vermittelten) Grundkonsens des Miteinanders an der Garderobe abgebe, wenn ich ein Firmengebäude betrete und meine Rolle einnehme. Wenn dies von so vielen Befragten vermisst wird, sind sie offenbar immerhin ein Anfang.


Es soll schon vorgekommen sein, dass in einer von Zahlen, Daten, Fakten geprägten Management-Sicht Empathie als eine Art hartnäckiger Infekt von Vertretern sozialpsychologischer Fachrichtungen beäugt wurde. Zahlreiche Studien und u.a. neuro-wissenschaftliche Erkenntnisse der letzten Jahre sollten diese digitale Sichtweise inzwischen zumindest angereichert haben.


Tatsächlich haben kleine Momente positiver Erlebnisse einen bis auf die biochemische Ebene reichenden positiven Effekt auf unser Wohlbefinden und damit unsere Effektivität. Barbara Frederickson, leitende Wissenschaftlerin am Positive Emotions and Psychophysiology Lab (PEPLab) der University of North Carolina, nennt sie 'Micro-moments of positive connection' und vergleicht sie mit essentiellen Nährstoffen, die wir für ein gesundes Leben brauchen. Interessanterweise sind wir jedoch nicht so schlicht strukturiert, wie in manchem Ratgeber oder Reiz-Reaktions-Training unterstellt. Unsere Gehirne und Sensoren sind ausreichend feinjustiert, zu unterscheiden, ob die ausgedrückten positiven Emotionen ernst gemeint sind. Werden sie nicht als "heartfelt" wahrgenommen, bleiben die positiven Effekte nämlich nachweislich aus. Wir Menschen haben uralte und sehr feine Antennen dafür, was echt ist und was nicht. Insofern sind antrainierte Nettigkeit und gespielte Freundlichkeit nicht hilfreich, sondern erreichen das Gegenteil (hier liegt ggf. ein Einsparpotenzial fürs Weiterbildungsbudget). Unsere Hirne wittern aus der wahrgenommenen Diskrepanz eine Bedrohung und schalten sicherheitshalber in einen Abwehr-Modus, aus dem heraus Effektiviät und Exzellenz nicht möglich sind. Aus diesem Zustand wieder heraus zu kommen, kostet wertvolle Energie.


Von Appreciative Inquiry kommend, einem strukturierten Prozess zur Umsetzung positiver Veränderungen, der im Deutschen etwas holprig mit "wertschätzender Erkundung" übersetzt werden kann, geht für mich Wertschätzung deutlich tiefer. Es geht um eine Veränderung der Perspektive, wohin wir schauen, um Wert zu erkennen, wohinein wir uns vertiefen, wie wir fragen und miteinander reden und wen wir wann mit welcher Haltung beteiligen.


Wäre es nicht viel einfacher, statt manko-fixiert zu planen, wie ich andere am besten systematisch  'positiv manipulieren' kann, den Blick konsequent auf das zu richten, was sehr gut oder hervorragend läuft, ehrlich neugierig zu sein, wie und warum es so gut läuft und dabei darauf zu vertrauen, dass mein Gegenüber - egal welche Position und Rolle dieser Mensch gerade inne haben mag - etwas mitbringt, von dem wir gemeinsam lernen können? Vor allem wäre es wirkungsvoller.


Klingt Ihnen das zu sehr nach Streichelzoo oder Ponyhof, was die Arbeitswelt und überhaupt, die Welt an sich nun mal nicht ist? Zur Beruhigung:  Aus Sicht des Einzelnen wie auch der Organisation ist eines viel spannender als der angenehme Nebeneffekt, dass sich in der Zusammenarbeit gemäß den Prinzipien von Appreciative Inquiry zumeist alle besser, weil vollständiger und in ihrem Potenzial gesehen fühlen. Das sind die qualitativ besseren und anderen Ergebnisse, die hier gemeinsam erreicht werden. Insofern lohnt es sich für Unternehmen und Organisationen, wenn Wertschätzung mehr als nur eine Hand breit Wasser unterm Kiel hat. 


Experimentierfreudig?


Wie wäre es mit einem kleinen Selbstversuch in Sachen 'Micro-Moments of positive connection'? Sammeln Sie einen Tag lang Momente, in denen Sie für einen - egal wie kurzen - Moment ein echtes, positives Gefühl in Verbindung mit einem anderen Menschen haben. Das kann beim Brötchen kaufen, beim Einsteigen in den Bus, in der Teambesprechung, beim Abendessen mit der Familie, mit Freunden oder Fremden sein. Tun Sie der Biochemie Ihres Körpers samt Ihres Hirns wortwörtlich ganz einfach etwas Gutes - und bleiben Sie neugierig.
 

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Hat Wertschätzung mehr als eine Hand breit Wasser unterm Kiel? @Tina_Neuhoff http://bit.ly/1KzIIxW Click to tweet

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